Grußwort von Dr. Dankwart Guratzsch zum Verbandstag der sächsischen Haus & Grund Eigentümer 2007

Der Journalist Dr. Guratzsch setzt sich seit langer Zeit gegen den Abriss kulturell wertvoller Bausubstanz, im Besonderen der Gründerzeit ein. Bei seinen Recherchen lag Chemnitz schon mehrfach im Fokus der Betrachtung hinsichtlich seiner Stadtumbaupolitik, nicht zuletzt wegen der hier zu beobachtenden rigorosen Vorgehensweise beim Umgang mit der uns überbrachten Baukultur. Für sein Interesse und seinen Einsatz für unsere Stadt möchten wir ihm im Namen des Stadtforum danken. Hier sein Grußwort zum Verbandstag der sächsischen Haus & Grund Eigentümer 2007: 

Für die Möglichkeit, Ihnen ein Grußwort zu sagen, bin ich dankbar. Einige werden mich von meiner Tätigkeit als Korrespondent für Architektur und Städtebau in der Tageszeitung DIE WELT kennen, die es mir ermöglicht, gelegentlich Fragen des Grundbesitzes und der städtischen Quartiere zu behandeln. Hier spreche ich als Privatmann zu Ihnen, als Mitglied Ihres Verbandes, als Miteigentümer von Grundstücken in der Dresdener Neustadt und als Sohn von Curt Guratzsch, der – wie schon mein Großvater Bruno Guratzsch – im Allgemeinen Hausbesitzerverein tätig war und dessen Zentrale in Berlin nach dem Ersten Weltkrieg sogar zeitweise als Geschäftsführer gedient hat.Ich verweise darauf, weil mir die Existenzfragen des Haus- und Grundbesitzes, um die damals Kämpfe tobten, heute wieder auf bedruckende Weise aktuell erscheinen. Da darf ich daran erinnern, dass die moderne Großstadt – was weitgehend vergessen ist – überwiegend eine geschichtlich beispiellose Leistung des bürgerlichen Mittelstandes, des privaten Haus- und Grundbesitzes ist. Nicht die erst später gegründeten großen Wohnungsgesellschaften und nicht die Kommunen, sondern einsatzfreudige, risikobereite Privatleute sind es gewesen, die die geschichtlich vorbildlose Leistung erbracht haben, unter dem Druck einer nie gekannten Bevölkerungsexplosion innerhalb von zwei Jahrzehnten funktionstüchtige Großstädte zu schaffen. Kennzeichen dieser Bauepoche sind Quartiere von unglaublicher Vielfalt der Gestaltung, von Großzügigkeit und künstlerischem Anspruch. Sie haben einen Lebensstil ermöglicht, von dem Bewohner heutiger Plattenbauten oft nur träumen können. Ich spreche von den Gründerzeitquartieren. Was darauf folgte, die Wohnungsbeglückung „von oben“, zeichnet sich durch entgegengesetzte Merkmale aus. Uniformiertheit, Einfachheit bis zur Kargheit, Offenheit nach allen Seiten bis hin zur Zugigkeit und Unwirtlichkeit, Reduzierung der Privatsphäre zugunsten kollektiver Einrichtungen und Kontrolle. Der Begriff „Wohnung für das Existenzminimum“ war nicht etwa ein Kampfbegriff der Konservativen gegen diese neuen, vermeintlich avantgardistischen Wohnformen, die in den Zwanziger Jahren propagiert wurden, sondern wurde von deren Erfindern selbst plakativ und programmatisch gebraucht. Wir können nicht verkennen, dass dabei wirtschaftliche und politische Verhältnisse Pate gestanden haben, die weit weniger „golden“ waren, als es uns eine „politisch korrekte“ Geschichtsschreibung einreden will. Auch wollen wir einräumen, dass gesellschaftliche Ideale mitspielten, die sich erst viel später als irrig erwiesen haben.Dennoch ist es wichtig, an der Unterscheidung festzuhalten: Diese „neuen Städte“ – also Trabantenstädte, Großsiedlungen, Plattenbauquartiere – verdanken sich einer anderen Herkunft und Ideologie als die gründerzeitliche Stadt, die vor allem eins kultiviert hat: die Privatsphäre. Sie ist in der Autonomie jeder einzelnen Wohnung, der abgeteilten Bodenkammern und Keller angelegt. Der Mehrwert dieser Wohnform liegt in den geschützten, gegen die Öffentlichkeit abgeschirmten, nur den Anwohnern zugänglichen Innenbereichen der Blockrandbebauung, in den vom Straßenlärm und von Abgasen abgeschirmten vormals großen, später leider allzu oft verbauten Innenhöfen. Eine solche Stadtbaukultur ist in den Gründerzeitquartieren noch heute erlebbar. Sie erfreut sich einer neuen Attraktivität – gerade für eine Gesellschaft mit hohem Anteil von Singles und Alten. Wenn es um die Wohnwünsche der Stadtbewohner gehen soll, müssen diese Quartiere bei der Stadtplanung hoch im Kurs stehen. Sie müssten – hier muss ich den Konjunktiv gebrauchen, weil es noch immer eine Wunschvorstellung ist – sie müssten weiterentwickelt werden, müssten für Neubauplanungen als Muster dienen.

Wie Sie wissen, ist aber nicht einmal gesichert, dass die Stadtplanung dem Erhalt dieser Quartiere höchste Priorität einräumt. Den Wohnungsgesellschaften sind sie als Konkurrenz meist ziemlich unwillkommen. Denn sie haben eine enorme Magnetwirkung insbesondere auf jüngere Stadtbewohner, aber auch auf die sogenannten „neuen Alten“ aus. Ihre Hauptklientel – das ist ein lange übersehenes Phänomen – stellen die Singles, die in vielen Städten bereits 50 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Diese Gruppen sind an isolierten Wohnlagen an der Peripherie nur noch begrenzt interessiert, sie suchen Geselligkeit, urbanes Leben, kurze Wege und ein reiches Kulturangebot. Hier ist ein Grund dafür zu sehen, dass fast alle deutschen Städte einen neuen „Run“ auf die Innenstädte verzeichnen. Allein die Innenstadt von Leipzig hat 40.000 Einwohner zurückgewonnen – eine (hier passt das Wort einmal) wirklich umwerfende Tatsache, denn sie stellt die gesamte moderne Planungstheorie auf den Kopf.

Demgegenüber verzeichnen die Großsiedlungen teilweise dramatisch zunehmende Leerstände. In sanierten Blöcken lassen sich die Hypothekenzinsen kaum noch erwirtschaften. Ist es da so verwunderlich, dass die Wohnungsgesellschaften bestrebt sind, sich auf Kosten der ihnen zugefallenen Altbauten Luft zu verschaffen? Sie schlagen damit gleich mehrere „Fliegen“ mit einer Klappe. Sie sparen den überproportionalen Sanierungsaufwand, kassieren üppige Abrissprämien von 60 Euro/qm, erleichtern ihr Altschuldenkonto und schaffen sich eine unliebsame Konkurrenz vom Hals. Bei der Bewertung dieser Vorgehensweise ist es indes unerlässlich, neben dem Geschäftsinteresse der Unternehmen die volkswirtschaftlichen und gesamtgesellschaftlichen Implikationen zu betrachten. Eine Ressource des Wohnungsmarktes, die aktuellen Wohnwünschen entspricht und sich offensichtlich als zukunftsfähig erweist, wird vernichtet – unwirtschaftliche Bestände mit überalterter Bewohnerschaft, steigenden Nebenkosten und mangelnder gesellschaftlicher Akzeptanz werden unter Aufbietung von Fördermillionen künstlich am Leben gehalten. Bisher hat es keine noch so aufwendige Sanierung und Imagekampagne vermocht, diesen Siedlungen eine wirklich greifbare neue Perspektive zu verschaffen oder sie auch nur von ihrem schlechten Ruf als „Arbeiterschließfächer“ oder, das gilt besonders für den Westen Deutschlands, „Klein-Istanbul“ zu befreien. Die Krawalle in den Pariser Vorstädten haben gezeigt, welcher soziale Sprengstoff sich hier ansammeln kann. Sie sind und bleiben eine Dauerbaustelle, für den Eigentümer wie den Fiskus ein Fass ohne Boden.

Geradezu lehrbuchartig lassen sich die Folgen der Fehlsteuerung am Beispiel Chemnitz studieren. Die alte sächsische Industriemetropole hat, trotz des Flächenbombardements im März 1945, einen erstaunlich großen Bestand an intakten Innenstadtquartieren behalten. Sie hat diese Quartiere sogar – was wie ein Wunder erscheint – über die ganze Dauer des Arbeiter- und Bauernstaates herüberretten können. Jetzt ist es eine bürgerliche Stadtverwaltung, die sie knackt.

Die Methode erinnert mich auf fatale Weise an ein klassisches Bombardierungskonzept, das die Alliierten auch beim Angriff auf Dresden angewandt haben. Dabei wurden vor dem Eintreffen der feuerspeienden Lancaster-Bomber zuerst sogenannte „Quartiersknacker“ abgeworfen, Sprengbomben von gewaltiger Explosionskraft, die die Dächer abdeckten und die – das war Methode – gezielt auf Eckgrundstücke geworfen wurden. Durch die dadurch aufgerissenen Flanken waren die Quartiere dem verheerenden Feuersturm rettungslos ausgeliefert.

Bei den Hauserabrissen in Chemnitz geht man heute „ähnlich vor. Ich besitze Dutzende Fotos die zeigen: Als erstes werden meist Eckgrundstücke aus den bis dahin vollständig erhaltenen Quartieren herausgebrochen. Damit ist der Abschließungseffekt der Blockrandbebauung futsch. Es sind in der Regel auch die prächtigsten Gebäude, so dass man nach Verstreichen einer Schamfrist sagen kann: Um den Rest ist es nun auch nicht mehr schade. Die Erfahrung lehrt aber: Die Schaffung von Schneisen ist die wirksamste Maßnahme, um ein ganzes Quartier zum Umkippen zu bringen. Die Planungswissenschaft spricht vom Bronx-Effekt, benannt nach dem New Yorker Stadtteil Bronx, der heute wie eine Zahnlückenlandschaft aussieht und in dem Ruf steht, wegen der hohen Kriminalitätsrate für Besucher gefahrvoll zu sein.

Wie konnte es in Deutschland zu einer solchen Strategie kommen, und wer steht dahinter? Auch das können Sie in Chemnitz in situ studieren. Es sind neben den Wohnungsgesellschaften die Kommunalvertreter, genauer: die Amtschefs bis hinauf zum Planungschef, zur Bau- und zur Oberbürgermeisterin. Meine Damen und Herren, ich scheue mich nicht, dafür ein sehr hartes Wort zu gebrauchen: Es ist ein roter, es ist ein knallroter Städtebau, der hier verfolgt wird. Ich spreche es nicht in der Absicht von billiger Polemik, sondern in echter persönlicher Sorge aus. Ich füge ausdrücklich hinzu: Herr Minister Dr. Buttolo ist sicherlich der letzte, dem ich eine Nähe zu derartigen Ambitionen unterstellen würde. Aber es lässt sich doch nicht leugnen, dass sich hier eine erschreckende Koinzidenz zu Entwicklungen einstellt, deren Zeugen wir gewesen sind und die wir geschworen hatten, niemals wieder eintreten zu lassen. Der Stadtumbau, wenn er so betrieben wird, läuft auf dasselbe hinaus, was die DDR mit ihrer gezielt auf die Expropriation der privaten Haus- und Grundeigentümer gerichteten „Lösung der Wohnungsfrage als soziales Problem“ erreichen wollte: Abriss der alten „bürgerlichen“ Stadt, um die neue „sozialistische Stadt“ zum Aufblühen zu bringen.

Ich fühle mich von der Geschichte genarrt und an der Nase herumgeführt. 1957 habe ich Dresden verlassen und bin nach Westdeutschland gegangen, weil ich hoffte, von dort aus für den Erhalt der kulturellen Zeugnisse, der Lebenskultur und der bürgerlichen Werte meiner Heimat mehr erreichen zu können, als von hier aus. Dass ich es mit einiger Hartnäckigkeit versucht habe, zeigt meine journalistische Tätigkeit in all den Jahren, die an dazu nicht berufener Stelle penibel dokumentiert worden ist. Es ist noch nicht einen Monat her, dass ich erstmals meine Stasi-Akte habe einsehen können. Sie umfasst 200 Seiten, meine kritischen Artikel über den Abriss von Altbauquartieren in der DDR sind fein säuberlich abgeheftet, die einschlägigen Zeilen unterstrichen. In einer Aktennotiz des Ministeriums für Staatssicherheit Berlin vom 15. Januar 1986 wird festgehalten:

„Die Springer-Zeitung „Die Welt“ veröffentlichte am 3.1. 1986 erneut einen illegal recherchierten Artikel des BRD-Journalisten Dr. Guratzsch, Dankwart, der sich in die bereits bekannten illegalen journalistischen Aktivitäten dieser Person einreiht.“

Die IMs wurden angewiesen, meine „Informanten“ auszuspähen. Ein Generalmajor namens Böhm in Berlin verpflichtete die Mitarbeiter des Ministeriums in Dresden:

„Sie haben zu veranlassen, dass auf der Grundlage eines operativen Maßnahmeplans eine zwingende Bearbeitung und Aufklärung der Kontaktpartner des G. erfolgt.“

Ich bin meiner Einstellung treugeblieben. Als Journalist setze ich mich unverändert für den privaten Hausbesitz, für die europäische Stadt, für ihre Qualitäten und ihre Erhaltungswürdigkeit ein – nicht nur in Chemnitz, nicht nur in Dresden, sondern auch in Hamburg, Berlin, Frankfurt, ich weiß nicht, wo sonst noch überall. Dabei muss ich eine sonderbare Erfahrung machen. Obwohl der Mittelstand inzwischen ganz oben auf der Prioritätenliste der Bundespolitik steht, bin ich damit konfrontiert, dass die Verteidigung der bürgerlichen Stadtkultur, die eine der großen geschichtlichen Leistungen des deutschen Mittelstandes darstellt, erneut unwillkommen ist. Dass man sich damit missliebig macht, dass in Ministerien und Rathäusern – nicht in Westdeutschland, aber hier im Osten, speziell in meinem Heimatland Sachsen – eine solche Haltung abfällig beurteilt wird, dass sie als reaktionär attackiert wird. Ich kann Ihnen nur mit sehr persönlichen Worten sagen, was ich dabei empfinde. In einem Land, in dem das Engagement für den Erhalt der Altbauviertel einmal als ehrenvoll galt, weil mit Recht anerkannt worden ist, dass es zu den revolutionären Ereignissen beigetragen hat, die uns Deutschen die Wiedervereinigung beschert haben, erscheint mir diese Rückkehr zu sozialistischen Denkschablonen wie eine Verhöhnung der Geschichte.

Meine Damen und Herren, ich erinnere mich sehr deutlich, wie ich – es muss 1986 gewesen sein – mit meiner Mutter untertänigst auf dem Rathaus zu Dresden einkam, um nach dem Schicksal unserer Häuser zu fragen. Zu unserem Entsetzen mussten wir zur Kenntnis nehmen, dass die Akten der unverändert im Familienbesitz geführten Grundstücke dort bereits im Regal des „Volkseigentums“ eingestellt waren. Auf unsere Nachfrage erhielten wir von der geschäftsführenden Mitarbeiterin den Bescheid: „Das wird ja sowieso alles abgerissen.“ Wie haben wir uns gedemütigt, ja entmündigt gefühlt! Sie wissen, meine Damen und Herren, warum wir, die letzten verbliebenen Eigentümer, gegen eine solche Politik machtlos waren. Wohnungswirtschaft, Banken und politische Führung befanden sich in ein und derselben Hand.

Wenn ich die Entwicklung in Chemnitz und anderen besonders betroffenen Städten sehe, wird mir schreckhaft bewusst, dass es soviel anders heute gar nicht ist. Beim Städtebau – oder sagen wir eher: bei der Stadtzerstückelung – arbeiten hier Stadtverwaltung, Banken und Wohnungsgesellschaften so eng zusammen, dass der private Hauseigentümer wie vor einer Betonfront steht. Sie müssen nur einmal eine Bürgerversammlung oder ein Haus-und-Grund-Forum in dieser gebeutelten Stadt besuchen, da fällt es Ihnen wie Schuppen von den Augen. Auf der einen Seite die Investoren, die – zum Teil mit tränenerstickter Stimme – davon berichten, dass ihnen seit dem Abbruch der Vorderhäuser durch die Wohnungsgesellschaft die Mieter wegen des Lärms von der Straße in Scharen davonlaufen, dass die missmutig Zurückbleibenden Mietminderungen verlangen, obwohl noch längst nicht die Kredite für die Sanierung abbezahlt sind. Auf der anderen Seite die Phalanx aus Wohnungswirtschaft, Stadtverwaltung und Banken hoch oben auf dem Podium, die diesen noch vor wenigen Jahren herbeigelobten Investoren, von denen einige, wie sie sagen, ihr Familienvermögen in die Stadtreparatur gesteckt haben, den Vertrauensschutz versagt. Das „erste Zugeständnis bisher überhaupt, nämlich die Aufstellung von sieben Meter hohen Lärmschutzwänden, kam erst zustande, nachdem einige etwas routiniertere westdeutsche Hausbesitzer gegen diese – wie sie es nannten – „kalte Enteignung“ Gerichtsklagen angedroht hatten. Wie sich solche Lärmschutzwände mit dem Lippenbekenntnis für attraktive Wohnviertel vertragen, wird die Zukunft lehren und sicher noch Stoff für manchen Fernseh- und Pressebericht liefern.

Ich habe von „rotem Städtebau“ gesprochen und will Sie nicht im unklaren lassen, wo das Wort herkommt. Es wurde schon zu Zeiten der Weimarer Republik gebraucht, vornehmlich im „roten Magdeburg“, wo der sozialistisch gesinnte Bruno Taut amtierte, desgleichen in Frankfurt/Main, wo Ernst May, der später in die Sowjetunion ging, die ersten „soz. Siedlungen“ schuf, desgleichen auch im Ausland, etwa im „roten Wien“. Wirklich exekutiv wurde das Instrumentarium freilich erst in der DDR angewandt. Allein, die Grundideen sind anscheinend unausrottbar und leben auch nach deren Untergang weiter. Dabei dürfen wir uns durch die Staatsform nicht irritieren lassen. Die Vorgehensweise, wie sie in Chemnitz (und andernorts) praktiziert wird, schafft mit kapitalistischem Geld, was die „Diktatur des Proletariats“ mit der Strategie der gezielten Auspowerung des privaten Haus- und Grundbesitzes bis hin zum Flächenabriss in Gotha, Zwickau und Halle – um nur drei Beispiele zu nennen – vorexerziert hat: die Austreibung der Wohnbevölkerung aus – und dies unterstreiche ich hier noch einmal – vom Bürgertum errichteten, einst wohnlichen, attraktiven, heute wieder den aktuellen Wohnwünschen breiter Bevölkerungskreise entsprechenden Immobilien, die zuerst von den DDR-Machthabern, heute von den Wohnungsgesellschaften planmäßig dem Verfall, der Unwirtlichkeit und Verwahrlosung zugeführt worden sind und werden.

Ich kenne den Einwand, dass Gebäude an Hauptverkehrsstraßen angeblich niemals „wohnlich“ oder „attraktiv“ sein können. Wenn wir uns diese Prämisse zu eigen machen wollten, müssten wir unsere Städte in die Luft sprengen und aufs Land ziehen. Dann freilich werden wir erst noch den Staat erfinden müssen, der uns diesen Luxus bezahlt.

Eine haushälterische Stadtpolitik sieht anders aus. Die moderne Schallisolierung, das wissen Sie alle, erlaubt heute eine Perfektion der Abschottung, die Wohnlagen an den meistbelasteten Pariser Boulevards zu Luxuslagen machen, für die Mieten kassiert werden, von denen wir selbst am Kurfürstendamm in Berlin nur träumen können. Unbezahlbar ist nicht die Umrüstung von Großstadthäusern für das lärmfreie Wohnen, Arbeiten und Schlafen, sondern die perforierte, die aufgelockerte, die diversifizierte Stadt. In der schrumpfenden Gesellschaft wird sie zu einer gesellschaftlichen Last, weil kilometerlange Anfahrtswege, nunmehr schwach ausgelastete Versorgungsnetze, die immer weiter auseinandergezogene soziale Infrastruktur die Kommunalausgaben wie auch die Wohnnebenkosten in astronomische Höhen treiben. Wer das propagiert, versündigt sich an den öffentlichen Haushalten und an den Lebens- und Entwicklungschancen schon der nächsten Generation.

Ich komme zum Schluss und auf meinen Ausgangspunkt zurück. Nur die Stadt der kurzen Wege, die Stadt der Dichte, der Vielfalt und Wohnlichkeit ist Überlebensfähig. Das Deutsche Institut für Urbanistik in Berlin, Deutschlands führendes Stadtforschungsinstitut, hat dafür die Formel geprägt: kompakt, mobil, urban. Es war das deutsche Bürgertum in seiner stolzesten Zeit, das diese Stadt „erfunden“ und mit seinem Privatvermögen errichtet hat. Diese Bauleistung ist noch heute vorbildlich. Sie lebt in Neubaustadtteilen in Tübingen, Freiburg, Berlin und Frankfurt/Main in einer Vitalität auf, die noch vor zehn Jahren unvorstellbar war. Sie ist das Modell, zu dem sich die Uno-Habitat-Konferenz von Istanbul 1996 bekannt hat – ein Vorbild, das, so die Vertreter der Staaten auf dieser Konferenz in ihrer Abschlusserklärung, weltweit Nachahmung verdient, weil nur ein Städtebau nach diesen Prämissen nachhaltig im Sinne einer vorausschauenden ressourcenschonenden, finanzierbaren, sozial steuerbaren und Identität fördernden Siedlungsentwicklung ist.

Unser Land tut gut daran, diese Empfehlung ernstzunehmen und von kostspieligen Experimenten mit einem roten Städtebau Abschied zu nehmen. Mein Gruß an Sie heißt: Verteidigen Sie hier und jetzt, was an nachhaltigen Stadtstrukturen in Sachsen – noch – übrig ist! Setzen Sie sich für einen Städtebau mit Zukunft ein! Lassen Sie sich durch die Macht der Wohnungskonzerne nicht entmutigen!  

 (Nach Meinung des Stadtforums stellt, entgegen dem im o.a. Beitrag transportierten Bild, die Siedlungsbildung der 20er und 30er Jahre auf Grund des hohen intellektuellen Anspruchs eine baukulturell wertvolle und erhaltenswerte Substanz dar. Nicht desto trotz bildet der Beitrag die Essenz der momentanen Stadtbaupolitik in Deutschland und im Besonderen in Chemnitz ab und sollte in jedem Fall Anlass zum Umdenken bei der Handhabung mit unserem baukulturellen Erbe sein.)

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