Sachsens Kahlschlag am Häusererbe

Damit sich die Platte-Sanierung rechnet, werden historische Ensembles abgerissen
Darf öffentlich gezeigt werden, wie die Stadt Chemnitz ihre Gründerzeitviertel dezimiert? Darüber ist in der sächsischen Industriestadt ein heftiger Streit entbrannt. Zweimal hatte der Kunstfotograf Michael Backhaus einen Antrag gestellt, 36 schwarzweiße Großfotos auf dem Neumarkt vor dem Rathaus zeigen zu dürfen. Zweimal hatte er eine (halbe) Zusage. Zweimal erteilte ihm Baubürgermeisterin Petra Wesseler eine Absage. Jetzt sprechen Bürgerinitiativen und Regionalpresse von „Zensur“.  

Die Fotos zeigen den Abriss markanter Gebäude in der Chemnitzer Innenstadt, wie er inzwischen zum Alltag der sächsischen „Stadtumbaupolitik“ gehört. Für die Rathausparteien CDU und FDP, den Bauausschuss und den früheren Chef der städtischen Wohnungsgesellschaft GGG Peter Naujokat ist das zu einseitig. „Wir brauchen eine Idee, wie auch die andere Seite dargestellt werden kann“, verlangt CDU-Stadtrat Tino Fritzsche. Den Fotografen erinnert das an Zeiten, die er mit der Wiedervereinigung überwunden glaubte: „Das ist alles ein bisschen wie früher.“

Mit dieser Sicht beschreibt er eine Stimmungslage, wie sie seit den jüngsten Ankündigungen des sächsischen Innenministers Albrecht Buttolo (CDU) offenbar viele beschleicht. Der will den „Rückbau“ von Wohnungen in Sachsen stärker von den Stadträndern in die Innenstädte verlagern – und knüpft damit an eine Praxis an, „die an die Spätzeit der DDR erinnert“. Der Vorwurf kommt vom Verein privater Hausbesitzer Haus & Grund Sachsen, vom Landesverein Sächsischer Heimatschutz, vom BUND für Umwelt und Naturschutz, Sachsen, sowie von den Stadtforen Leipzig, Chemnitz und Freiberg. Sie haben in einem „Offenen Brief“ an Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) für eine Umkehr im Stadtumbau plädiert und prangern insbesondere Buttolos Vorhaben an, den Abriss auch solcher Gebäude mit Zuschüssen zu fördern, die aus der Vorkriegszeit stammen. Mit der von Buttolo angekündigten Ausweitung des Fördermittelanspruchs auf den Zeitraum von heute bis 1850 (!) stünde fortan in Sachsen der gesamte Häuserbestand der Gründerzeit, der sich in großen Teilen noch oder wieder in Privathand befindet, zur Disposition.

Gefährlich daran ist der Dominoeffekt, der in Quartieren mit traditioneller Blockrandbebauung entsteht. Denn der Abriss nur eines einzigen Gründerzeithauses mindert hier zugleich die Wohnlichkeit der Nachbargebäude.

In ihrem Brief erinnern die Unterzeichner daran, dass „der Zustand und die fortschreitende geplante Zerstörung der historischen Städte im revolutionären Herbst 1989 zwei der wesentlichen Gründe“ gewesen seien, „die die Menschen in Sachsen auf die Straßen getrieben und zur politischen Wende geführt haben. Das Ende der Abbrüche und die Sanierung der Städte waren damals Hauptforderungen der Bürger.“ Mit ihrer Abrisspolitik knüpfe die sächsische Regierung an diese DDR-Praktiken an.

Auch der Chemnitzer Formgestalter Karl Clauss Dietel sieht eine bruchlose Kontinuität zwischen der Vorgehensweise der DDR und zerstörerischen Eingriffen in die Altbausubstanz heute, wie sie Backhaus auf seinen Fotos zeigt. Dietel hatte schon zu DDR-Zeiten in dem besonders betroffenen Stadtteil Sonnenberg – einem fast unbeschädigt durch den Krieg gekommenen Gründerzeitquartier mit 15 000 Einwohnern – sein Atelier aufgeschlagen und musste damals mit ansehen, wie die SED ganze Gebäudeensembles plattmachte. Mit anderen Künstlern wagte er den Schritt, namens des Verbandes bildender Künstler scharf zu protestieren.

Was dadurch zum Teil noch in letzter Minute vor den Baggern gerettet werden konnte, sieht er jetzt gefährdet: „Der Abrisswahn seit etwa 2002 brachte die größte Stadtzerstörung seit 50 Jahren.“

Das sehen die Unterzeichner des „Offenen Briefes“, unter denen sich auch sächsische CDU-Politiker finden, ganz ähnlich. Den Städten Sachsens drohe „ein weitreichender Identitätsverlust mit unabsehbaren Folgen für ihre Attraktivität als Wohn- und Investitionsstandorte“. Die Gründe sehen sie in „milliardenschweren öffentlichen (Fehl-)Investitionen“, die Sachsen seit den Neunzigern in seine Plattenbauten an den Stadträndern gesteckt habe. Doch so wie der Mieterschwund in diesen Großsiedlungen dadurch keineswegs aufgehalten worden sei, schlitterten ob dieser Fehlsteuerung nun auch noch die sächsischen Staatsbanken in die Krise: „Sanierte und dennoch künftig nicht mehr vermietbare Plattenbauten sichern heute Kredite der Sächsischen Aufbaubank.“ Um der Pleite zu entgehen, versuchten sich die Wohnungsunternehmen mit staatlicher Rückendeckung „über den aus bundesdeutschen Steuermitteln üppig geförderten Abriss von Altbauten finanziell zu entlasten“.

Dazu steht Ex-GGG-Chef Naujokat noch heute. Mehr als der verheerende Erosionsprozess, den seine Gesellschaft in der Innenstadt von Chemnitz ausgelöst hat, plagt ihn die Sorge, dass Fotos davon dort gezeigt werden, „wo auch viele Touristen mit den Bildern konfrontiert werden“. Hier könne gar der Eindruck entstehen, als werde in Chemnitz „ohne Sinn und Verstand die Stadt zerstört“.

Was unter „Sinn und Verstand“ im sächsischen Stadtumbau zu verstehen sei, erläuterte René Deschner, Chef der Stadtumbau GmbH Chemnitz, in der Regionalzeitung „Freie Presse“. Danach solle der Abriss künftig tabula-rasa-mäßig flächenhaft und nicht mehr punktuell erfolgen. Als Demonstrationsobjekt ist ein komplettes Quartier am unteren Ende der Zietenstraße ausersehen, wo 24 Gründerzeithäuser auf einmal abgeräumt werden sollen.

Hartmut Wahl, Investor aus dem schwäbischen Waiblingen, der mit der Renovierung zahlreicher Altbauten in Chemnitz vorgeführt hat, wie Stadtumbau „mit Sinn und Verstand“ tatsächlich funktioniert, sieht darin nur einen Aberwitz: „Damit ist dem Abbruchwahn freier Lauf gegeben.“ Und auch der Architekt Frank Kotzerke vom Chemnitzer Stadtforum sieht nun den gesamten Sonnenberg in Gefahr: „Wird das Quartier weiter aufgelöst, droht dem Sonnenberg der städtebauliche Kollaps.“

„Nichts auf meinen Fotos ist gestellt“, sagt Michael Backhaus, der seiner Dokumentation den plakativen Titel „Die Stadt als Beute“ gegeben hat. Er findet es entwürdigend, „wenn ich als erwachsener Mensch darum betteln muss, dass ich meine Fotos auf dem zentralen Platz in Chemnitz zeigen darf.“

Aber tatsächlich geht es in dem Chemnitzer Streit ja nicht nur um Fotos, sondern um die Stadt selbst. Design-Professor Dietel möchte das Dilemma der sächsischen Stadtumbaupolitik deshalb auch in einen größeren Zusammenhang eingeordnet sehen: „Zwischen Globalisierung, Wiederfinden regionaler Identität und Bewahrung großen Erbes sind die Ziele zu finden, um die Zukunft der europäischen Stadt neu aufscheinen zu lassen. So gesehen ist der Fall Chemnitz ein Beispiel – zurück in die Technokratie des Jahrhunderts der Katastrophen oder hin zu bürgerbewusster, republikanisch-demokratischer Verantwortung.“

Die Welt, 11.04.2008   von Dankwart Guratzsch

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