Stadtumbau nach DDR-Methode

Folgender Beitrag zum aktuellen Stadtumbaugeschehen ist heute unter dem bezeichnenden Titel „Stadtumbau nach DDR-Methode“ in der „Welt“ erschienen (von Dankwart Guratzsch):

Beim Stadtumbau in Ostdeutschland setzt die Politik immer unverfrorener genau dort an, wo die untergegangene DDR aufgehört hat. Das gilt konkret für den Altbaubestand, der nach offizieller Lesart angeblich höchstmöglichen Schutz genießt. Und es gilt seit dem Wochenende auch für das Lieblingskind des „sozialistischen Städtebaus“ der DDR: den Plattenbau. Hundert Großsiedlungen sollen mit Milliarden „auf modernen Standard“ gebracht werden.

Das heißt gutes Geld dem faulen hinterherwerfen. Denn nicht erst heute gestehen führende Wohnungswirtschaftler in den neuen Bundesländern verschämt ein: „Nur die unsanierte Platte ist rentabel“. Das aber heißt unter dem Strich: Jeder Euro, der in diesen Bautyp gesteckt wird, ist auf mittlere Sicht verloren. Zuvor aber richtet er unverhältnismäßig hohen Schaden an, weil er dazu beiträgt, die Eigentümer dieser Siedlungen, die kommunalen Wohnungsgesellschaften, auf einem falschen Weg zu bestärken, der einige bereits an den Rand der Insolvenz geführt hat.

Begonnen hat diese Fehlsteuerung mit einer falschen Einschätzung der Bewohnerwünsche. Bei einem Leerstand von einer Million Wohnungen können sich die Mieter erstmals seit einem Jahrhundert aussuchen, wo und wie sie sich behausen möchten. Und dabei offenbart sich eine von wenigen vorausgesehene Diskrepanz: Während die Funktionäre in den Gesellschaften weiter auf die Sanierung der Großsiedlungen setzen, ziehen die Bewohner in Scharen aus und suchen sich ein neues Domizil im Innenstadtbereich – allein in Leipzig schon 40 000.

Die Kehrseite der verfehlten Investitionspolitik der staatlichen Wohnungswirtschaft bekommen vor allem die von Bundesbauminister Tiefensee erst jüngst wieder so emphatisch gefeierten Altstädte zu spüren. Denn anders als in Westdeutschland verfügen die Wohnungsgesellschaften im Osten über beträchtliche Altbaubestände, die sie aus „Volkseigentum“ der DDR – also aus enteignetem Privateigentum – zusammengehamstert haben. Wegen Verschwendung der Investitionsmittel an die „Platte“ haben viele von ihnen für die Modernisierung gerade dieser von Mietern neu nachgefragten innerstädtischen Wohnungsbestände kein Geld mehr übrig – mit der Folge, dass Altbauten in Kommunalbesitz heute zu 44 Prozent leer stehen, die Platte nur zu elf Prozent. Deshalb sollen die Altbauten schleunigst weg – schizophrener geht es nicht.

Denn gleichzeitig lässt sich Tiefensee auf der Denkmal-Messe in Leipzig als oberster Denkmalschützer feiern. „Noch immer werden Altbauten in historischen Stadtkernen dem Verfall preisgegeben, ohne Not abgerissen oder bis zur Unkenntlichkeit modernisiert“, mahnte er noch vor vier Tagen vor Vertretern von Handwerk und Denkmalschutz. Allein der Grund für die gerade angelaufene neue Abrisswelle ist die sanierte Platte, die nun ein weiteres Mal mit Milliarden aufgehübscht wird. Um die Kredite für die voreilige Sanierung dieses Siedlungstyps abstottern zu können, sind verschiedene Wohnungsunternehmen dabei, ganze Karrees innerstädtischer Altbauten abzuräumen. Tiefensee hilft ihnen dabei, weil er ihnen für jeden in Bauschutt verwandelten Quadratmeter Wohnfläche bis zu 100 Euro Altschulden erlässt. Das Geschäft rechnet sich für die kommunalen Gesellschaften zumindest vordergründig: Der Abriss baut nicht nur Schulden ab, sondern beseitigt zugleich Leerstand und damit unliebsame Konkurrenz zur Plattenbausiedlung. Die neue Geldspritze, so jubilieren sie, könne die Platte wieder lukrativ machen und ihr neue Mieter aus den durch Perforation ihrer Wohnlichkeit beraubten Altstädten zutreiben.

Vor dem Hintergrund der Bevölkerungsentwicklung und gewandelter Wohnwünsche ist das Ausverkaufs- und keine Sanierungspolitik. Und es sorgt für beträchtliche Unruhe in der Bevölkerung. Von Schwerin bis Chemnitz werden Bürgerinitiativen aktiv, die sich gegen die Fortsetzung einer aus DDR-Zeiten wohlbekannten Strategie richten: Begünstigung der Großsiedlungen (nach DDR-Originalton die „sozialistische Stadt“) zulasten der „bürgerlichen“ Altstädte. Sie beweisen damit nicht nur Sinn für Identität, sondern auch für ökonomische Vernunft. Denn der Steuerzahler wird für diese Version von „Stadtumbau“ gleich dreimal zur Kasse gebeten: Er zahlt die Fördermilliarden, den Abriss und die Auswechslung wertbeständiger Wohnungstypen gegen das Auslaufmodell Platte. Die Suppe löffelt auch hier die nächste Generation aus.

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