„Schloss-Replikat“ – kein Symbol der Demokratie

Im Deutschen Architektenblatt zum Beitrag im DAB 1/09

Frank Kotzerke, Architekt, Gert Rehn, Freier Architekt, beide Chemnitz

Wer die Formensprache von Bauwerken der vergangenen Jahrhunderte studiert hat, weiß, dass Schlösser, Paläste und Kirchen durch ihre zentrale Stellung, durch ihre Symmetrie, durch ihre Türme ein Ausdruck der Macht oder des Machtwillens und der Repräsentation zumeist der feudalen Herrscherhäuser waren und sind. Und gerade im Berliner Schloss wurde und wird dem, der sich mit der deutschen Geschichte befasst hat, dessen negative Symbolkraft sichtbar, nämlich das Großmachtstreben der preußisch-deutschen Monarchie mit den bekannten Folgen …

Wenn nun schon gewählte Vertreter des Volkes (aber eben keine Architekten) darüber befunden haben, wie die Berliner Stadtmitte besser zu gestalten sei, wäre auch in der Auslobung und bei der Juryentscheidung mehr historisch-ästhetische Kompetenz erforderlich gewesen. Es gibt aber genug unsinnige Juryentscheidungen im Lande … (s. Dresdner Waldschlösschenbrücke u. a.)

Für unser Empfinden stellt daher der wenigstens mit einem Sonderpreis gewürdigte Entwurf des Berliner Büros Kuehn Malvezzi eine erträgliche Alternative dar. Das Gebäude hat in erster Linie gewonnen durch das Weglassen des funktional unnützen, aber teuren Turmaufbaus und hat trotzdem oder gerade deshalb die zeitgemäße Ausstrahlung, die unserer Demokratie würdig wäre.

Bleibt die Liquidierung des bis in jüngste Zeit die städtebauliche Situation bestimmenden und ausbaufähigen „Palastes“ ebenso umstritten wie der Neubau des Stadtschlosses, ist jedoch eines sicher – Steuergelder und Ressourcen wurden und werden hier in Größenordnungen verbrannt.

Die Frage ist: Lässt sich die Mentalität der modernen europäischen Großstadt Berlin mit der Historientümelei eines pseudo-barocken Funktionskastens verheiraten? Werden die Funktionen der aufwendigen Fassade entsprechen und auch dem Bürger genug bieten? Das scheint weitgehend unklar zu sein. Eine Zuwendung zum Entwurf von Kuehn Malvezzi könnte Positives für das urbane Gefüge Berlins bedeuten. Sollte hier der Entwurf Stellas bauliche Gestalt annehmen, ist möglicherweise wieder mal eine Chance protagonistischer Stadtgestaltung im Sinne des 21. Jahrhunderts in Berlin vertan.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Kommentare zu „Schloss-Replikat“ – kein Symbol der Demokratie

  1. Mit dem Thema hab ich mich beschäftigt. Nach allem was ich weiß hat dieses Berliner Stadtschloss im Vorkriegsdeutschland als besonders herausragendes Bauwerk, nie eine Rolle gespielt. Es war nicht so fest im Bewusstsein der Deutschen wie andere Bauwerke. Die Monarchen wollten es auch nicht so recht. Jeder Preußenkönig hat sich seinen eigenen Wohnsitz bauen lassen. Sanssouci, Charlottenhof, Glienicke, Paretz, Cäcilienhof.
    Der Vollständigkeit halber muss es wieder her.

  2. Rentier sagt:

    zum Thema Berliner Stadtschloss:

    Wir befinden uns hier auf der Seite des Stadtforums, das gegründet wurde, gegen ungerechtfertigten Abriss von wertvolle Altbauten von Seiten der Bürger anzugehen. Die Abrisse der relativ wenigen älteren Gebäuden in Zentrumsnähe zu verhindern ist weiterhin unser Ziel.
    Sie gaben der Stadt seit über 100 Jahren das Gepräge.
    Wenn aber einmal ein solch riesiges Gebäude wie das Berliner Schloss völlig verschwunden ist durch Krieg oder die Baupolitik der Vergangenheit und will es genau so wieder aufbauen, dann begibt man sich in Richtung Potemkinsche Dörfer. Im Inneren wird ein Skelett aus Stahlbeton entstehen und auf drei Seiten kommt eine Replik der Schlossfassade davor. Da passt etwas nicht zusammen. Die wertvollen Skulpturen, der Schmuck der Fassaden, die großartige Innenausstattung wird zur Theaterdekoration degradiert, ganz einfach weil das Stilgefühl des Barock auch abhanden gekommen ist.
    Entschieden wurde der Schlossaufbau weitgehend von Juristen, die nämlich die Mehrheit des Bundestages ausmachen und nicht von Architekten. Es war eine politische (Fehl)-Entscheidung, die uns alle teuer zu stehen kommen wird. Wie man das Innere ausfüllen will, ist weitgehend unklar.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.