Kunst statt Abriss

Cleveland wagt ein Modell gegen die Krise
3sat.online 03.07.2009

In Cleveland, im Bundesstaat Ohio der USA, hat die Finanzkrise hart zugeschlagen. Jedes zehnte Haus steht hier leer. Auf 12.000 Häuser wartet die Abrissbirne.
Eine Künstlerinitiative will nun vermehrt Kreative hierher holen, um so die Stadt vor dem Verfall zu retten.
Einer, der davon profitieren könnte, ist der Bildhauer Jerry Schmidt. Er lebt in dem besonders armen Stadtviertel Collinwood. Aus Metallschrott macht er Kunst. Er könnte einer sein, der durch seine Arbeit als Künstler die Stadt wiederbeleben soll. „Noch kämpfen wir mit dem Stigma, dass das hier eine wirklich kaputte Gegend ist“, sagt Schmidt. „Aber mit den neuen Entwicklungen als Künstlerviertel ändert sich das langsam. Die Leute sehen mit eigenen Augen, wie es besser wird.
Und ich glaube, das Beste kommt noch.“

Künstler als Hausbesitzer
Camille Maxwell ist Maklerin. Sie bringt leerstehende Immobilien mit wohnungssuchenden Künstlern zusammen. Ziel ihrer staatlich geförderten Organisation ist es, Wohnraum und Kunststudio unter einem Dach bereit zu stellen. Die Künstler sollen so langfristig an ihre Nachbarschaft gebunden werden und den Wiederaufbau Haus für Haus mitplanen.
„Mit unserem Programm schaffen wir zunächst einen stabilen finanziellen Rahmen und eine solide Kreditwürdigkeit“, so Maxwell.
„Die Künstler sollen am Ende die Häuser besitzen, deren Renovierung sie mitgeplant haben. Was ich an unserem Programm toll finde ist, dass wir aus Leuten Hausbesitzer machen, die überzeugt waren, sich nie ein Haus leisten zu können.“
Dass Künstler Häuser mit viel Eigeninitiative renovieren, ist nicht neu. Oft ist das aber der Anfang eines Teufelskreises, den Stadtplaner Gentrifizierung nennen, umgangsprachlich „Yuppisierung“ genannt. Denn oft werden die finanzschwachen Künstler nach ein paar Jahren von Leuten mit Geld aus ihren Häusern herausgekauft.
„Wir kennen das“, erläutert Peter Hance, Stadtplaner an der Columbia University New York. „Die Künstlergemeinde zieht ein, die Nachbarschaft blüht auf,
mit den Künstlern kommen verschiedene andere Einflüsse – und am Ende werden die Künstler wieder rausgedrängt. Wenn die Künstler aber gleichzeitig Besitzer ihrer Häuser sind, wird dieser Teufelskreis gestoppt. Deshalb ist Cleveland auf dem richtigen Weg. Hinzu kommt, dass dort vieles ganz von unten an der Basis aufgebaut wird und die Immobilien von vornerein günstig zu bekommen sind.“

Gestärkter Zusammenhalt
Die Musiker Michael Di Liberto und Sunia Boneham finden das Cleveland-Modell so attraktiv, dass sie dafür Amerikas Künstlermetropole New York hinter sich gelassen haben. Unterm Dach ihres renovierten Hauses haben sie ein Musikstudio. Die Monatsmiete von etwa 400 Euro ist an eine Art Leasingvertrag gekoppelt. Nach Ablauf des Vertrages gehört das Haus ihnen.
Neun weitere Häuser in der direkten Nachbarschaft werden nach dem gleichen Modell bewohnt. Es entwickelt sich ein gestärkter sozialer Zusammenhalt, weil alle die gleichen Interessen verfolgen.
„Die Wiederbelebung dieser Nachbarschaft kann nur funktionieren, wenn Leute wie wir es schaffen, aus Dreck Gold zu machen“, sagt Sunia Boneham, Künstlerin aus Ohio.
„Und so wie ich das sehe, können das nur zwei Gruppen: findige Künstler oder Baulöwen mit viel Geld in der Tasche.“
Noch sehen viele Häuser in Cleveland heruntergekommen aus. Und auch der Modell-Stadteil Collinwood hat noch einen langen Weg vor sich. Doch dass es aufwärts geht in Cleveland, beweist das rege Nachtleben im neuen Künstlerviertel.

Collinwood heißt Geschäftsleute und Besucher willkommen. Fast wöchentlich gibt es hier Neueröffnungen von Cafés und Ausstellungen – drei Konzerte pro Abend. Kunstgalerien, die bis spät in die Nacht Besucher haben. Vielleicht hat man in Collinwood eine Strategie gegen die Auswirkungen der Bankenkrise gefunden. Eine Strategie, die Viertel wieder attraktiv und lebendig macht und so die Abwanderung der Bevölkerung aus verfallenden Vorstädten stoppt.
Die Malerin Katherine Chilcote arbeitet an einem Wandgemälde, das bald eine Brücke in ihrer Nachbarschaft zieren soll. Auch sie hat sich mit anderen Künstlern organisiert, um das von der Finanzkrise angeschlagene Cleveland zu retten. Chilcote fürchtet aber, dass Kunst und Künstler auch benutzt werden, um ganze Stadtviertel vor allem finanziell aufzuwerten. So vermißt sie konkrete Pläne, die der Kunst auch langfristig einen Platz einräumen.
„Ich finde es schon problematisch, die Kunst vor allem als Werkzeug zu sehen, um
Statdterneuerung oder wirtschaftlichen Aufschwung voranzutreiben“, so Chilcote. „Wir müssen uns überlegen, was mit der Kunst passiert, wenn sie nur als Mittel zum Zweck dient, und ob wir unter diesen Bedingungen Kunst überhaupt noch brauchen.“ Katherines Organsiation arbeitet zusammen mit Künstlern daran, die Schaufenster und Läden zu renovieren.
Hier sollen später Austellungsräume und Galerien entstehen. Damit wollen die Künstler sich nicht zu Erfüllungsgehilfen von künftigen Immobilienspekulanten machen, sondern ein Umfeld schaffen, das ihr Viertel auch langfristig lebendig hält.

„Was die Künstler hier machen, ist eine Rettungsaktion“, sagt Peter Hance. „Es ist eine neue Form der Besiedlung. Die Künstler sind vergleichbar mit Wild-West-Pionieren, die sich in Territorien vorwagen, in die sich bisher niemand getraut hat.“ Der Bildhauer Jerry Schmitt ist überzeugt, dass dieser amerikanische Pioniergeist den Weg aus der wirtschaftlichen Rezession finden wird. Und er glaubt, dass Collinwoods Beispiel den Weg weisen kann.
„Ich denke, wir haben gezeigt, was eine kleine Gruppe von Künstlern ausrichten kann. Solange alle überzeugt sind, dass man wirklich etwas ändern kann. Ich bin sicher, andere Kommunen werden unserem Beispiel folgen.“
Mit seiner Kunst verkörpert Jerry Schmitt ein sehr amerikanisches Motto: Aus Alt mach‘ Neu. Und mit neuen Lösungen für alte Probleme hat Amerika schon viele Krisen gemeistert.

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Ein Kommentar zu Kunst statt Abriss

  1. Wer hat diese Leute vorgeschlagen? Mögen sie fachlich versiert sein, für mich ist jeder der in den letzten Jahren dem Abriss in Chemnitz tatenlos zugeschaut hat disqualifiziert für diese beratende Funktion. Handeln ist angesagt, nicht handeln wollen.

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