Zum Wettbewerb Zentralbibliothek der TU Chemnitz

Das Land Sachsen kauft das Flurstück „Alte Aktienspinnerei“ und lobt einen Architekturwettbewerb für die Umnutzung in die Zentralbibliothek der TU Chemnitz aus mit begleitender städtebaulicher Konzeption des Umfeldes. Wird das ein Glücksfall?

Bis 1960 gab es nur einen Campus für die damalige Technische Hochschule Karl-Marx-Stadt, den Altstandort. Dort gab es also bereits eine Zentralbibliothek. In über 50 Jahren wurde der 2. Campus errichtet um die Reichenhainer Straße, in 3 km Luftlinie entfernt. Der Campus 1 ist nicht erweiterungsfähig, der neue Campus aber schon. Ein  modernes Auditorium Maximum ziert ihn seit einiger Zeit und dahinter hätten sich viele die neue Zentralbibliothek gewünscht. Diese ist notwendig geworden, da es zu viele Einzelbibliotheken gibt. Von Seiten der Stadt kommt das Anliegen, das Brühlgebiet und die alte Aktienspinnerei wieder zu beleben.  Für den Umbau der Aktsp. zu einer Biblio. gibt es städtebauliche Fördermittel, für einen Neubau aber nicht. Am Brühl sollen wieder Geschäfte und Wohnungen ein  quirliges Leben schaffen im Zusammenhang mit der neuen Bibliothek.  Die Verbindung der beiden Campus schafft eine neue Straßenbahnlinie, die gleich noch nach Thalheim geführt werden kann. Deshalb gibt es auch dafür Fördermittel.

Das sind die Visionen, in vielen Sitzungen und Kolloquien begründet und sie scheinen optimal. Sogar Albert Speer d.J. wurde dafür gewonnen, der gleich noch die Quartierbebauung entlang der Mühlenstr. empfahl. Deshalb werden Abrisse von kleinen Wohnungen in Plattenbauten dort gerade vorgenommen.(!)

Der Wettbewerb ist abgeschlossen, die Preisträger froh über recht viel Geld und alle sind zufrieden.  – Wirklich?

Alle sind auf jeden Fall froh, dass das alte Gebäude wieder genutzt werden soll. Von Seiten der Nutzer aber scheint die Bibliothek doch recht weit weg vom Hauptcampus, wie ein Studentenvertreter äußerte. Angesichts der knappen Zeiten zwischen Vorlesung, Seminar, Essen und Wohnung. Kostenlos fährt die Straßenbahn auch nicht. Über die Führung der Trasse gibt es auch Differenzen, müsste doch die Baumallee Reichenhainer Str. gefällt werden.

Vom 5. bis 15.2. hatten die Bürger die Möglichkeit, sich die Arbeiten anzusehen. Von 26 Arbeiten wurden erst einmal acht (!) ausgeschlossen, da sie nicht die Anforderungen der Auslobung erfüllten. Das kann man machen, üblich ist das nicht, zumal da gerade sehr gute Arbeiten unter den Tisch fielen.   Und jetzt ist etwas zum 1. Preis im Wettbewerb zu sagen:

Die Bilder sprechen für sich. Denkmalschutz in Ehren, aber eine wirkliche Modernität haben andere Entwürfe gezeigt. Die symmetrische Anordnung der Bauten entspricht nicht den heutigen städtebaulichen Ambitionen.  Das ist zu klotzig und altmodisch gedacht. Ist das nicht eine Formensprache der fünfziger oder gar dreißiger Jahre? Die Funktionalität zwischen den Einzelbauten scheint auch nicht gegeben. Es wird wertvoller Platz verschenkt im Erdgeschoss, das alte Treppenhaus wird entkernt mit seinen reizvollen Strukturen und erhält nur eine Zwischendecke mit großer Deckenhöhe im Lesesaal.

Der Artikel der Pressestelle der TU Chemnitz vom 12.12.2012 „Die Nutzer in den Mittelpunkt stellen“ gibt treffende Worte der Frau Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig wieder, die aber zu wenig beherzigt wurden bei der Bewertung der Arbeiten. Fachleute, Bibliotheks-Sachkundige waren wohl zu wenige oder gar nicht im Preisgericht. Dass die Baubürgermeisterin und die Denkmalbehörde ferngehalten wurden ist ein Skandal. Hier werden Steuermittel verbaut. Deshalb muss nachgebessert werden um berechtigte Hinweise zu realisieren.


Siegerentwurf


Modell des Siegerentwurfes

Am Dienstag haben sich Mitglieder des Stadtforums und der Architektenkammer Kammergruppe Chemnitz nochmal in den Ausstellungsräumen eingefunden und über die verschiedenen Entwürfe diskutiert. Dabei wurden weitestgehend die Wettbewerbsbeiträge, die mit dem Erscheinungsbild einschließlich des Umfeldes sensibel umgehen, positiv bewertet. Dabei spielt neben der Fassadenansicht der Aktienspinnerei selbst der derzeitige Busbahnhof eine wichtige Rolle. Hier haben einige Beiträge besonderes Augenmerk auf die bauliche Entspannung des Platzes gelegt, d.h. auf keine weitere Addition von Gebäuden, sondern auf GRÜN, Freiraum und den Erhalt der heutigen Wartehalle mit dem markanten Hängewerk des Daches. Dabei wurden notwendige Nebengebäude hinter der Aktienspinnerei platziert und somit die Dominanz dieses wichtigen Industriedenkmals erhalten.


Beispiel einer sensiblen Entwurfshaltung, Teilnehmer 1019, Heule u. P., Dresden


Ein weiterer Entwurf mit einer weitsichtigen Gestaltung des Vorplatzes, Teilnehmer 1002, J. Engel, Braunschweig


Modell dieses Entwurfs

 

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2 Kommentare zu Zum Wettbewerb Zentralbibliothek der TU Chemnitz

  1. H. Reichenberger sagt:

    Die bauliche und vor allem städtebauliche Lösung des 1. Platzes wird als nicht ausreichend oder schlecht angesehen. Es ist zu bezweifeln, dass sich der Jury-Schwarm mit einem Primus an der Spitze mit allen Arbeiten auseinandersetzen konnte. Der Ausschluss von 8 Arbeiten ist die Krönung!

  2. W. Eberlein sagt:

    Heute steht in der „Freien Presse“, dass der Siegerentwurf total überarbeitet werden muss. Grund sind die gestiegenen Kosten durch bibliotheksfremde Nutzungen angeblich. Auch die Kritik an der Gestaltung durch Chemnitzer Architekten soll wohl gewirkt haben. Inzwischen erweitert sich der Campus Reichenhainer Straße weiter….

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