Stadt Chemnitz pro Viadukt!

Einen Pluspunkt für den Erhalt des Chemnitz-Viaduktes fügte Baubürgermeisterin Petra Wesseler mit ihrer Aussage auf dem Bürgerforum der Deutschen Bahn zu den Ausbauplänen des s.g. Chemnitzer Bogens im Verlauf der Sachsen-Franken-Magistrale hinzu:

„…Der Erhalt wäre aus Sicht der Stadt Chemnitz wünschenswert.“ Außerdem sei nicht beabsichtigt, die Straßenführung Annaberger Straße im Bereich der Brücke zu erweitern. Mit diesem Argument hat die Bahn die Stadt immer wieder vorgeschoben.

Peinlich und wenig professionell dagegen mutete der Auftritt der Bahn an. Der einzige Experte der Bahn, der auf technische Fragen hätte Auskunft geben können, war ganz unerwartet im Stau irgendwo zwischen Berlin und Chemnitz steckengeblieben. Ihm blieben so die detailierten Fragen aus dem Publikum – beispielsweise von Prof. Lorenz, Leiter des Lehrstuhls für Bautechnikgeschichte und Tragwerkserhaltung an der BTU Cottbus erspart, der extra für diesen Termin nach Chemnitz gekommen war. Er machte auch nochmal auf die weit über sächsische Grenzen reichende baugeschichtliche Bedeutung des Viaduktes aufmerksam.

Die Bahn hatte indes eine Variantenprüfung vorbereitet, zu der neben der Variante Erhalt und der Variante Neubau noch drei Zwitterlösungen angetreten waren, die aber weder als ernsthafte noch vertretbare Lösungen gewertet werden könnten und als vermutliche Alibivarianten hinten runter fielen.

Als Paradoxon fiel sofort auf, dass die Variantenprüfung durch das Büro Krebs & amp; Kiefer erstellt wurde. Wir erinnern uns – das Büro hatte den Wettbewerb für den Neubau der Brücke gewonnen. Ein Schelm, der hier Vorteilsnahme oder Wettbewerbsverzerrung vermutet!

Diese Variantenprüfung versuchte mit einer Grafikübersicht – hinterlegt mit der Tiefgründigkeit einer Grundschularbeit die „Vorzugsvariante“ Neubau nach vorn zu spielen. Dabei korrespondierten beispielsweise bei der Kostenaufstellung Baukosten mit Bau- und Erhaltungskosten und über den Kostenanteil des Abrisses bei Neubau konnte der Verfasser der Variantenprüfung keine Aussage treffen. Ein objektiver Vergleich war jedenfalls nicht gegeben, zumindest nicht ersichtlich.

Eigentum verpflichtet. Auf Nachfrage konnte die Bahn einen explizit mit diesen Aufgaben betrauten Wartungsingenieur präsentieren. Dieser bestätigte die umfängliche Pflege der Brücke – Reperaturen an Entwässerungen etc. seien regelmäßig vorgenommen worden. Regelmäßig hieße dann wohl im Turnus von 30-40 Jahren – denn so alt (und entsprechend defekt) sind die bestehenden Entwässerungen mindestens. Und was die Grünpflege betrifft, so scheinen hier auf der stadtabgewandten Seite Birken angepflanzt worden zu sein. Nein, die Erklärung kommt promt vom Wartungsingenieur: man hatte nur Anweisung, den Wildwuchs auf dem befahrenen Brückenteil zu entfernen.

Negativ muss die geringe Resonanz der Chemnitzer Politik bewertet werden (die Freie Presse hat diese Woche schon einige Bundestags- und Landtagsabgeordnete um ihre Ausreden gebeten). Unterschwellig läßt sich das vermeintliche Desinteresse in der Befürchtung vermuten, dass durch eine Blockade hinsichtlich des Brückenabrisses die Stadt bis in alle Ehwigkeit mit der Abkopplung vom Fernverkehr gestraft wird.

Doch auch hier ließ der Vortrag der Bahn durchblicken, dass die Anbindung an den Fernverkehr offensichtlich überhaupt nicht der primäre Grund für den Streckenausbau darstellt. Vorsorglich hat man schon mal die Lastannahmen und Leistungsmerkmale von durchrauschendem Güterverkehr berechnet und in die Bemessungen einfließen lassen – nur falls mal irgendwann Bedarf…

Dennoch läßt sich aus der Veranstaltung eine Hoffnung mitnehmen, und zwar in Form einer Expertenkommission, die UNABHÄNGIG die Möglichkeiten des Erhalts prüfen und die möglichen entstehenden Kosten richtig einordnen kann und soll. Dieser Kommission soll neben Prof. Geißler, der für die Bahn als Gutachter tätig ist auch Prof. Lorenz angehören, ebenso wie Dr. Rödel vom Verein Viadukt e.V. Die Erkenntnisse sollen in jedem Fall vor Beginn des Planfeststellungsverfahrens gewonnen und bekannt gegeben werden.

Sollte die Vorzugsvariante der Bahn weiterhin Neubau der Brücke lauten, kündigte Baubürgermeisterin Petra Wesseler schon mal eine weitere Bürgerrunde an.

Noch eine Sache zur Unterstützung der Akteure um den Brückenerhalt – 100% der anwesenden Bürger haben sich für das historische Viadukt ausgesprochen. Nach der Veranstaltung haben einige sogar ihre Bereitschaft erklärt, sich bei negativem Ausgang an der Brücke festzuketten.

Im Vorfeld hatten Unbekannte ein Transparent mit der Aufschrift „Industriedenkmal“ an der Brücke angebracht. Diese unverfängliche Botschaft hat die Bahn lieber schnell wieder entfernen lassen – das spricht auch für sich.

Viadukt

Festzuhalten ist – und das hat auch die Deutsche Bahn eingeräumt – das Viadukt ist ein Denkmal und es läßt sich unter allen Nutzungsanforderungen mit noch zu definierenden Ertüchtigungsmaßnahmen erhalten.

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