Das Stadtforum Chemnitz und seine Themen für dieses Jahr

Bei den letzten Sitzungen des Stadtforums wurden folgende Themen als die Wichtigsten erachtet, um Einfluss zu gewinnen auf bestimmte Entscheidungen der Stadtverwaltung und des Stadtrates:
Leider wurde nach wenigen Jahren die Tätigkeit des „Kuratorium für Baukultur und Stadtgestaltung“ wieder eingestellt. Das soll aus Kostengründen geschehen sein. Von uns wurde ausdrücklich auf die Verfahrensweise in Leipzig hingewiesen. Hier aber wurden zu viele „Experten“ von außerhalb eingeladen, welche entsprechende Kosten verursachten. Die Einflussnahme, die Stadt mit fremden Augen zu beurteilen, zu hinterfragen und zu beraten scheint jedoch eine nützliche Sache zu sein.

1. Der Viadukt Annaberger Straße kann und muss erhalten werden!

Die Deutsche Bahn führt Baumaßnahmen auf der Ausbaustrecke Karlsruhe-Nürnberg-Dresden durch. Im Bauabschnitt „Chemnitzer Bahnbogen“ sollen dabei allein sechs Eisenbahnüberführungen neu gebaut werden mit allen dazugehörigen Anlagen und Schallschutzmaßnahmen. Mehrere Brücken stehen unter Denkmalschutz und sind stadtbild-prägend. Vor allem um den 250m langen, einst vierspurigen sogenannten Chemnitztalviadukt ist durch Bürgerschaft und Fachleute mit Petitionen, Unterschriftenlisten und Bürgertreffs ein Kampf um Erhalt oder Abriss entbrannt. Beim 2. Bürgertreff am 27.11.2014 musste von der DB eingeräumt werden, dass nach erneuter Prüfung die Restnutzungsdauer bedeutend weiter zu erfassen ist, da eine Brückenhälfte bis heute nur 35 Jahre unter Belastung stand.
Zur Zeit arbeitet eine Expertengruppe mit der DB Netz daran,  ob sich die Brücke erhalten lässt. Dabei ist  der Befürworter des Erhaltes, Herr Prof. Lorenz  und weitere Gutachter. Eine Entscheidung soll Mitte des Jahres veröffentlicht werden. Das wurde vom Vorsitzenden des Vereins „Viadukt“, Herrn Johannes Rödel auf dem Neujahrsempfang des Vereins bekannt gegeben. Die Chancen dafür haben sich also wesentlich gebessert, weil auch die Stadt von der Prämisse, einen Brückenpfeiler an der Annaberger Straße zu beseitigen, abgegangen war. Die Angaben der Kosten  wurden als unrealistisch angesehen, weil die Sanierungsvariante ebenfalls vom gleichen Büro wie die Neubaulösung ermittelt wurde. Es wurde ein  Kostenvergleich verschiedener Anbieter verlangt.
Für die Brücken Augustusburger Straße, Reichenhainer Straße und Stollberger Straße gibt es aber keine Chance des Erhaltes.

2. Das „Chemnitzer Modell“- Verknüpfung von Straßenbahn und Eisenbahnstrecken
in das Umland

Hier richtet sich die Kritik nicht gegen das Prinzip, weil damit eine Verbesserung des Personenverkehrs in das Umland erwartet wird. Das wurde mit der Pilotstrecke  nach Stollberg seit 2002 bewiesen. Zur Zeit befindet sich die Stufe 2, Bau einer Straßenbahntrasse zum Campus der TU Chemnitz mit Einbindung in das Schienennetz der DB nach Thalheim im Planfeststellungsverfahren. Bis zum 7. April können und müssen Einwände geltend gemacht werden! Die Kritik der Anwohner, Studenten und des Stadtforums richtet sich gegen die geplante Trassenführung auf der Mitte der Reichenhainer Straße, dort wo jetzt noch eine Mittelgangallee mit Platanen vorhanden ist. Es wurden wiederholt Alternativen zur Trassengestaltung vorgelegt, die aber letztlich nicht beachtet werden. Jetzt können unmittelbar Beteiligte ihre Einwände geltend machen. Hier wird vor allem der Verein Stadtbahn e.V. aktiv werden.
Eine weitere Kritik ist die fehlende Anbindung des großen Sportforums, des Friedhofes und des Stadtteiles Reichenhain mit dem 3. Campus der TU. Weiterhin wird die Wirtschaftlichkeit dieser Strecke nach Thalheim bezweifelt. Es gibt keine schriftliche Zusage, dass von Bund und Land die benötigten 250 Mill. € für alle Stufen als Förderung eingehen.

3. Verkehrsberuhigung im Zentrumsbereich und Anbindung des
Reitbahnviertels an das Zentrum

Seit längerer Zeit wird nicht nur vom Stadtforum kritisiert, dass man die Weiterführung des inneren Stadtringes von der Gustav-Freytag-Straße bis zum Dresdner Platz nicht mehr in Erwägung zieht und die Bundesstraße B173 wohl für ewige Zeiten das Stadtzentrum zerteilen soll. Über die sehr breite 6-spurige Bahnhofstraße bewegen sich Fahrzeuge aller Klassen mit Tempo 50 durch die Stadt. Das hat keine Lebensqualität in diesem Bereich !

4. Geplante Bauwerke des Entsorgungsbetriebes Chemnitz an zentraler Stelle

Ganz überraschend hat man Anfang des Jahres Kenntnis erlangt, dass der Entsorgungsbetrieb Chemnitz im Brühlviertel entlang der Mühlenstraße eine riesige Anlage zur Abwasserbeseitigung (Regenüberlaufbecken, Trennbauwerk und Schieberbauwerk) errichten will. Andere Standorte sind angeblich nicht möglich. Das hängt mit dem Mischsystem der Stadt zusammen und den Problemen bei Hochwasser (Fäkalienverunreinigung). Die Vorzugsvariante ist genau dort, wo unlängst der Rahmenentwicklungsplan des Stadtplanungsamt mit dem Büro Prof. Albert Speer eine Blockrandbebebauung erarbeitet hat. Das zeugt von unkoordinierter Arbeit im Rathaus! Wir haben uns von Anfang an für die zwar teurere, aber für die Zukunft bessere Variante an der Brückenstraße ausgesprochen.

Wie zu erfahren ist, hat sich der ESC und die Stadtverwaltung inzwischen für die Variante 2, Bau auf der Brückenstraße, ausgesprochen. Das muss noch vom Stadtrat bestätigt werden. Die Bedenken seitens der Anwohner dort sollten mit Geduld und Sachkunde beantwortet werden.

5. Bebauungspläne in der Innenstadt

Inzwischen ist per Stadtratsbeschluss der Standort für das Technische Rathaus entschieden worden, und zwar im sogenannten „Contiloch“ Ecke Bahnhofstraße/Waisenstraße. Damit wird eine 20 Jahre alte Brache beseitigt. Dafür entsteht im bisherigen Altneubau Annaberger Straße ein riesiger Leerstand. Auch hier wirkt sich die vorbeiführende B 173 nicht vorteilhaft aus. Abgesehen von dem geschilderten Missstand des flutenden Verkehrs auf der Bahnhofstraße wird über die beidseitige Bebauung im Bereich Johannisplatz nach einer Lösung gesucht und nach Investoren. Der Anschluss an den genialen Bau von Erich Mendelsohn ist erforderlich, wenn man nicht in die Hinterhofbebauung mehr sehen will und endlich dort Urbanität herstellen will.

6. Gestaltung Marktplatz und Vorschläge

Was hier langsam zur Komödie ausartet, ist die Suche nach einer guten Gestaltung des Marktplatzes. Da ist offenbar keine Lösung in Sicht, weil zu viele unterschiedliche Vorstellungen kursieren. Das erinnert an die Gedenkstätte Augustusplatz in Leipzig.
Vor 10 Jahren gab es einen Wettbewerbssieger mit einem Tassenbrunnen. Man muss sich über die heutige Funktion eines Marktplatzes klar werden. Zum Handel treiben gibt es andere Flächen, die auch verkehrsmäßig gut angebunden sind. Nur für Ausnahmen wie Weihnachtsmarkt oder historischer Markt sollte dieser Markt noch dienen, dafür ein ansehnlicher Brunnen diesen zieren.

7. Konzeption Tierpark und Vorschläge

Der Stadtrat hat Mittel bewilligt, den Tierpark umzugestalten. Jahrelang wurden Käfige, Tierhäuser und Wegebeziehungen aus Kostengründen vernachlässigt. Die vorgeschlagene Lösung mit neuem Haupteingang stößt auf Kritik. Hier sollte die Meinung der Bürger und Anwohner berücksichtigt werden. Der jetzige Eingang (seit 50 Jahren) am Weg zur Gaststätte „Pelzmühle“, vorbei am Eselgehege und Spielplatz scheint optimal

8. Den ehemaligen Kulturpalast Rabenstein sinnvoll nutzen

Endlich gibt es für den Erhalt des ehemaligen Kulturpalastes (Baujahr 1950 im Stil der Neorenaissance) in Chemnitz-Rabenstein einen Lichblick. Bisher hat der Eigentümer um dessen Abriss gekämpft. Jetzt hat er seine gerichtlichen Schritte zurückgezogen, weil er mit der Stadt einen Bebauungsplan des Grundstücks vereinbart hat. Die Absicht ist geblieben, dieses mit Einfamilienhäusern zu bebauen. Abgesehen davon, dass dies der Gesamtgestaltung widerspricht, wäre eine sinnvolle Nutzung des großen Gebäudes besser. Vorschläge gibt es. Gegenüber ist das Krankenhaus Rabenstein, das dort eine Reha-Einrichtung vor der Tür hätte oder ein Alters-und Pflegeheim.

9. Baumfällungen größten Ausmaßes vor Wohnblöcken Stollberger Straße

Eine 700m lange Pappelallee entlang der Stollberger Straße soll jetzt gefällt werden. Gründe sind angeblich die Standsicherheit und die Gefahr dass Äste abgeworfen werden könnten auf parkende Autos. Die Bürger müssen sich im Klaren sein, dass nach der Abholzung dort kein Lärm- und Staubschutz zur Straße mehr besteht, Lichtblendungen eintreten und die grüne Wand verschwunden ist auf absehbare Zeit. Das Stadtforum findet dabei derzeit Unterstützung durch Baumgutachter und gültige Rechtsurteile.
Der Naturschutz und die Ornithologen werden sich hier ebenfalls einbringen.

Nachwort

Für ein kleines Stadtforum sind das anspruchsvolle Fragen, mit denen sich ja ganze Planungsabteilungen hauptberuflich befassen. Das soll aber zeigen, dass die Bürger ihre Stadt mit Aufmerksamkeit verfolgen und mitgestalten möchten. Dafür wurde der Stadtrat ja auch gewählt.
Das soll aber nicht heißen, dass unser Stadtforum nicht über den Tellerrand hinausschauen kann. Soweit es möglich ist, verfolgen wir die Arbeit der anderen Stadtforen in Mitteldeutschland, aber auch die Planungen in der Berliner Innenstadt (Alexanderplatz) und den fragwürdigen Schloss-Neubau. Auch über die Grenzen hinweg nehmen wir wahr, dass Bürger gegen geplante Supermärkte in Istanbul demonstrieren, weil dort historische Viertel zerstört werden. Auch in China werden solche Viertel rigoros beseitigt. Selbst in New York soll vor 50 Jahren der Abriss des größten Bahnhofes der Welt, der Grand Central Terminal durch Jacky Kennedy verhindert worden sein!
Das gibt uns die Bestätigung weiter zu machen und neue Mitstreiter zu gewinnen.

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Ein Kommentar zu Das Stadtforum Chemnitz und seine Themen für dieses Jahr

  1. Mike Kahnold sagt:

    Ihr seid ganz schön aktuell. Mal sehen, wie das in den nächsten Jahren sich hier entwickelt. Jedenfalls ist es wichtig, nicht alles schön zu reden. Gutes und Schönes gibt es in dieser Stadt. Aber ihr legt die Finger auf die Stellen, die fragwürdig sind und verändert werden müssen. Weiter so!

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