VIADUKT – Stadt lässt sich nicht in die Taschen lügen

bild_4_Michael_Backhaus,  Chemnitz

Zur Sondersitzung des gestrigen Bau-Planungs- und Umweltausschusses zum Eisenbahnviadukt Annaberger Straße hatte wiederholt die Deutsche Bahn versucht, durch falsche Tatsachendarstellung ihre Vorzugsvariante Brückenneubau gegenüber dem Erhalt des historischen Viaduktes in den Vordergrund zu spielen. Dabei wurde – wie schon im vorangegangenen Prozess auf Transparenz weitestgehend verzichtet. Da könnte man mutmaßen, warum der Vorhabensträger hier DB Netz AG heisst – trifft man doch auf ein verwobenes Geflecht aus Abhängigkeiten zwischen Gutachtern, Planern und Bahn auf. So ist beispielsweise der als unabhängiger Sachverständiger für die Kostenschätzung der Varianten zuständige und der Öffentlichkeit als Prof. der TU Dresden vorgestellte Dr. Stroetmann gleichzeitig Geschäftsführer des für die Planung des Neubaus zuständigen Büros Krebs und Kiefer. Dieses Büro hat bis heute KEINE einzige Stahl-Nieten-Brücke saniert. Sicherlich wurde versucht, dem Zuhörer als Referenz die Theodor-Heuss-Brücke in Mainz unterzuschieben. Nur ist diese Brücke letztendlich geschweisst, die Nieten nur aufgeklebt.

Als Taktik hatte man sich vorgenommen, den Neubau über die Bau- und Erhaltungskosten zum Gewinner zu küren. Nicht verwunderlich – würde bei einer Entscheidung pro Erhalt Krebs und Kiefer ggf. ein Auftrag von nicht unerheblicher Größe durch die Lappen gehen.

Glücklicherweise konnte der unabhängig in die Expertenrunde berufene Prof. Lorenz von der BTU Cottbus für Aufklärung und Relativierung sorgen. So zitierte er den neusten Bahn-eigenen Kostenkatalog nach DIN 276 unter Reflexion seiner Erfahrungen mit vergleichbaren Bauwerken – beispielsweise bei der Sanierung der obergleisischen U-Bahnlinie U2 auf der Berliner Schönhauser Allee – und kam zu völlig anderen Ergebnissen in Bezug auf die Bau- bzw. Erhaltungskosten. Hierbei verteuerte sich der Neubau zusehends bei Kostenreduzierung der Sanierungsvariante, was letztendlich zur Balance führte. Es sei hier noch angeführt, dass Prof. Lorenz wirklich große Erfahrung mit diesbezüglichen Brücken und deren Sanierung hat.

An der Möglichkeit einer Erhaltungsvariante kommt man ohnehin seit dem letzten Bürgerforum nicht mehr vorbei. Und so bestand wenigstens bei der technischen Machbarkeit des Erhaltes Konsens zwischen Denkmalpflege und Bahn.

Erschreckend bei der gesamten Diskussion bleibt, wie wenig Bedeutung die Stadt Chemnitz für die Deutsche Bahn hat. Von einer Fernbahnanbindung oder gar ICE-Anschluss können wir ja gern weiter träumen.

Doch diesmal waren die Stadträte „nicht nur als bloße Staffage“ gekommen, um sich von der Bahn einwickeln zu lassen, um die Legitimation für deren Handlung zu erteilen, wie Tino Fritzsche (CDU) deutlich machte. ALLE Stadträte und Ausschussmitglieder votierten einheitlich für die Variante Erhalt! Und selbst wenn diese Variante teurer als der Neubau wird – Denkmalpflege ist oft intensiver – steht die Stadt zu ihrer Geschichte.

Was sich aus diesem Verhältnis entwickelt bleibt abzuwarten. Ein positives Gefühl aber bleibt.

Sachsenspiegel

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Eine Antwort auf VIADUKT – Stadt lässt sich nicht in die Taschen lügen

  1. Wolfgang Janeck sagt:

    War am Wochenende zum Ersten Mal in Chemnitz und „begeistert“ von der Stadt der Moderne. Bin in Nürnberg bei den Altstadtfreunden aktiv und im Bündnis gegen den Ausbau des Frankenschnellweges über den Beisitzer vom Verein zum Schutz des Rednitztals und ebenfalls aktiv im Agendaprozeß über den BUND Naturschutz. Drücke die Daumen zum Erhalt dieses Viaduktdenkmals, eine Postkarte dazu erhielt ich in der Touristinformation. Würde mich über einen Newsletter freuen

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