Offener Brief zum Erhalt des Eisenbahnviaduktes Annaberger Str./Beckerstr.

Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin Ludwig,
Sehr geehrte Stadträte,
Sehr geehrte Stadtverwaltung und Fachämter der Stadt Chemnitz

Historisches Eisenbahnviadukt Annaberger Straße in Chemnitz vom Abriss bedroht

Im Zuge des Deutsche Bahn Ausbauprojektes Sachsen-Franken-Magistrale sollen mehrere Brücken im Chemnitzer Stadtbereich abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden. Darüber ist mehrfach in der Öffentlichkeit berichtet und auch diskutiert worden, u.a. in der Informationsveranstaltung der Deutschen Bahn am 25. Februar 2014 in Chemnitz, in der deutlich sachliche Einwendungen zum Abriss vorgetragen wurden.

Das Eisenbahnviadukt Beckerstraße, Chemnitzfluss, Annaberger Straße, das sogenannten Chemnitztalviadukt, ist eine filigrane Stahl-Nietenbrücke aus dem Jahre 1909, die frühzeitig denkmalgeschützt worden ist. Dieses Eisenbahnviadukt überliefert eine Großleistung der Ingenieurbaukunst Ihrer Vorgänger und ist gerade für die kulturhistorische Vergangenheit der Stadt Chemnitz, dem „Sächsischen Manchester“ als eine der bedeutendsten deutschen Industriestädte vom 18. zum 19. Jh. von enormer Bedeutung und Wichtigkeit.

Dagegen richten sich nun die Pläne der Deutschen Bahn, die den Ersatz durch eine Stahlverbundkonstruktion bevorzugen, um den kompletten Ausbaustandard mit einer vollen Belastungsauslegung und maximaler Geschwindigkeit von 160km/h zu entsprechen. Als Gründe werden unter anderem angeblich Materialermüdungen in der Stahlkonstruktion angeführt.

Wie Sie sicherlich mehrfach aus der örtlichen Presse erfahren haben, beteiligen sich mittlerweile im Diskurs zu den Abrissplänen in Praxis und Forschung überregional tätige Fachleute und Experten aus der Materialtechnologie und Stahlbrückenbau, die dies fachlich widerlegen, mindestens jedoch anzweifeln.

Weiterhin ist zu untersuchen, ob die geplanten Ausbaustandards eine angemessene Bewertungsgrundlage für den Chemnitzer Gleisbogenabschnitt darstellen, da die Gleisführung verkehrstechnisch zudem in innerstädtischer Lage keine Maximalauslegung erreichen wird.

Nach der Übergabe von 9.000 Unterschriften für den Erhalt des Eisenbahnviaduktes im vergangenen Jahr an die Stadt Chemnitz wollen wir als professionell tätige Planer im Bauwesen eine verantwortungsbewusste Haltung im Umgang mit historisch bedeutenden Bauwerken in Sachsen bekunden und hoffen, Ihre Aufmerksamkeit zu finden.

Die Unterzeichner empfehlen, dass

1. ein sachlicher und fairer Austausch zu allen Planungsvarianten stattfindet;
2. schon vor einem Planfeststellungsverfahren die öffentliche Einsichtnahme in die Bauzustandsgutachten ermöglicht wird;
3. Bedenken und Stellungnahmen externer Fachleute angehört und fachlich geprüft werden.
4. die Beantragung von den Fördermitteln für den Ausbau in dem Chemnitzer Teilstück offen gelegt wird, um objektive Kostenvergleiche zu gewährleisten
5. eine bewusste Bewertung des kulturhistorischen Wertes der Eisenbahnbrücke als städtisches Industriebaudenkmal im Sinne einer Nachhaltigkeitsprüfung

Wir halten es für bedauernswert, ein frühzeitig denkmalgeschütztes Kulturgut ohne Offenlegung von Entscheidungsgrundlagen und gutachterlicher Untersuchungen, ohne Beteiligung der Öffentlichkeit an der Abwägung des historisch und städtebaulichem Werts aufzugeben und legen Ihnen dringlichst die Auseinandersetzung mit der Aufgabenstellung Ausbau Sachsen-Franken-Magistrale im städtischen Kerngebiet nahe.

Viadukt_paper

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5 Antworten auf Offener Brief zum Erhalt des Eisenbahnviaduktes Annaberger Str./Beckerstr.

  1. J Ahlhelm sagt:

    Ich unterstütze diesen Appell.

  2. Ralf Kuban sagt:

    Wen wunderts? Offentlicher Eisenbahnverkehr gehört nicht ausschließlich in prvate Hand und schon gar nicht als fast Monopolkonzerne!! Der kleine Mehrfamilienhausbesitzer in historischer Umgebung muss, auch um das Risiko seiner eigenen Existenz, die Auflagen des Denkmalschutzes erfüllen!!! Die Bahn, mit Unterstützung staatlicher Stellen, kann sich darüber einfach hinwegsetzen?
    Soviel nur als Vergleich von wenig und viel Kapital.
    Die Bahn hat außerdem sehr viel mehr Möglichkeiten solche Bauwerke vor dem Zerfall oder Abriß zu bewahren. Sie hat nicht nur die Möglichkeit nötige Untersuchungen des Materials und die dafür nötigen Experten zu bezahlen, sondern kann auch Untersuchungen durchführen lassen, wie auch “alte” Konstruktionen, welche Defizite in der Festigkeit aufweisen, verstärkt werden können. Das dies ein paar Euro kostet ist wohl bekannt, wird aber bei wichtigen Denkmalen auch entsprechend gefördert. Ich glaube nicht, dass die Bahn von der Förderung des Denkmalschutzes ausgeschlossen ist.
    Ich bin deshalb der Meinung, dass solch ein Denkmal unbedingt erhalten werden sollte und dies nur Betriebswirschaftlern, Rechtsanwälten und Politikern zu überlassen ist grob fahrlässig.
    Deshalb sollte man die doch immer wieder beschorenen “mündigen” Bürger aufrufen, davon Gebrauch zu machen ihre Umgebung so zu erhalten wie Sie es für richtig halten!!!

  3. Tino Fritzsche sagt:

    Ich möchte das Anliegen des offenen Briefes ausdrücklich unterstützen. Dammit wird ein vernünftiger Kompromissvorschlag unterbreitet. Er ermöglicht auf der einen Seite weitere zielführende Gespräche mit der Deutschen Bahn, um das Gesamtprojekt einer besseren Anbindung von Chemnitz nicht zu gefährden und ist andererseits Ausdruck von Denkmalpflege mit Augenmass.

  4. Benedikt Hotze sagt:

    Hier habe ich einen kleinen Beitrag zum Viadukt ins Netz gestellt:
    “Das Blaue Wunder von Chemnitz: Eisenbahnviadukt in Gefahr”
    blog.hotze.net/?p=2759

  5. F. Ortmann sagt:

    Am 20.5.2014 um 18.30 Uhr hat die Frau Oberbürgermeisterin die Bürger der Stadt ins Schauspielhaus eingeladen um Ideen entgegenzunehmen. Bis zur Wahl des neuen Stadtrates sind noch 7 Tage. Was sagen außer Herrn Fritzsche andere Stadträte dazu?

    Dort sollte auch das Anliegen des Appells zur Sprache kommen. Genau so wie die geplante Abholzung der Reichenhainer Allee ! Also hingehen !

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