ExKa kommt. Das Gängeviertel von Chemnitz startet nun doch.

Exka kommtDieser Beitrag wurde freundlicherweise vom Verein Experimentelles Karree e. V. i. G. eingesandt.

Chemnitz. Das aufgrund von Eigentümerkonflikten umstrittene Experimentelle Karree, das zwischen Universitätscampus und Innenstadt liegt, startet nun doch. Das Konzept wurde bereits vor 1 1/2 Jahren zusammen mit dem Stadtplanungsamt entwickelt und wurde mit einem Stadtratsbeschluss (Link) im November 2008 von kommunaler Seite gestärkt. Entgegen dieses Beschlusses, besiegelte jedoch die städtische Wohnungsgesellschaft GGG, der die Liegenschaften gehören, und die Keilholz GmbH, welche Anrainer ist, im Mai 2009 eine gegenseitige Sanierungsvereinbarung. Bereits dieser Vorgang löste im Stadtrat eine Welle von Anfragen an die Stadtverwaltung aus (u.a. Link), wobei der Eindruck entstand, dass Stadtratsbeschlüsse bewusst verunmöglicht wurden. In Zeiten von Stadtschrumpfung und Verödung ganzer Stadträume, ist dieses bewusste Ausbremsen des letzten Häufleins Kreativer zugunsten kurzfristiger, ökonomischer Handlungsziele ein gesamtstädtisches Fiasko.

Chemnitz – das hässliche Entlein im sächsischen Städtedreieck. Ein Drittel der Bevölkerung ist seit 1990 abgewandert bzw. wurde nie geboren, ist also um diesen Anteil geschrumpft. Seit Jahren werden jedoch die Bemühungen torpediert, die ein angenehmes Leben in der Stadt sichern könnten. Stadtumbau als Chance – und jetzt kommt das experimentelle Karree als Hoffnung einer ganzen Generation Dagebliebener.
Das ambitionierte Projekt, das vorsieht in den leer stehenden Gebäuden zwischen Gustav-Freytag-Straße, Fritz-Reuter-Straße und Reitbahnstraße ein selbstverwaltetes Kultur-, Kommunikations-, und Generationenzentrum zu etablieren, ist ein Teil der Stadtdiskurse, die im letzten Jahr entscheidend waren. Ob die Initiative „chemnitz-zieht-weg“, das Manifest der Henry van de Velde- Gesellschaft (www.urbanes-chemnitz.de, Revisited/Bibliothek/ Manifest), die Etablierung eines Kuratoriums für Stadtgestaltung (http://www.chemnitz.de/chemnitz/de/aktuelles/presse/pressemitteilungen/pressemitteilungen_index.asp?action=Einzel_Anzeige&id=8684&woher=1&jahr=2009&monat=11)
oder letztlich die Bewerbung zur Stadt der Wissenschaft 2011 (http://www.chemnitz.de/chemnitz/de/stadt_chemnitz/stadt_der_wissenschaft/sd_wissenschaft/sd_wissenschaft_vorgeschichte.asp), überall war man sich einig: Die Stadt hat ungenutzte Freiräume, die zum Vorteil aller kreativ genutzt werden sollten. Andere Städte wie Leipzig machen es vor: Trotz wesentlich schlechterem Arbeitsmarkt, ist die subjektiv empfundene Lebensqualität höher, da eine lebendige, weltoffene und bunte Atmosphäre vorgefunden wird.

Reset legal.

Da es dem Verein „Experimentelles Karree e.V.“ mittlerweile aufgrund eines konstruierten Sachzwangs unmöglich erscheint, trotz des jahrelangen Leerstands und der offensichtlich fehlenden Vermarktungschancen der Reitbahnstrasse 80 und 82, diese legal nutzen zu können, soll nun ausgehend von der Reitbahnstrasse 84, in dem bereits das Wohn- und Kulturprojekt REBA84 aktiv ist, die verfahrene Situation positiv gewendet werden: Die Akteure beginnen einfach mit dem, was sie können, und was die beschränkten Räumlichkeiten zulassen.
Neben der Volksküche am Donnerstagabend, gibt es einen zweiwöchig stattfindenden Sonntagsbrunch, eine wöchentliche kostenfreie Fahrradselbsthilfewerkstatt, eine Galerie für Autofahrer (http://gif-gif.blogspot.com/2007/12/galerie-im-fenster-gallery-in-window.html), ein Kinoprojekt ( http://de-de.facebook.com/people/El-Garito-Cinematico/100000365147037) eine Druckwerkstatt, und einen Umsonstladen. Weitere Projekte sind angedacht, wenn die Nutzung der angrenzenden, leer stehenden Gebäude, vom städtischen Eigentümer ermöglicht wird. Zur Einbindung neuer Akteure, für Öffentlichkeitsarbeit und für die Koordination der Arbeit des ExKa e.V. sind bereits vor einem Jahr EFRE-Mittel (Europäische Förderung für regionale Entwicklung) beantragt worden, die, leider, zuletzt scheinbar der einzige Grund gewesen sind, sich städtischerseits mit dem Projekt noch zu beschäftigen. Diese Mittel werden jedoch nicht mehr auf die Reitbahnstrasse 80-82 bezogen, da die GGG diese Häuser nicht freigeben möchte, sondern auf die Reitbahnstrasse 84, die einen zeitlich unbefristeten Mietvertrag mit der GGG hat.

Die defizitäre Stadt

Das Experimentelle Karree – ein urbanes Abenteuer in einer defizitären Stadt.
In den innenstadtnahen Bereichen von Chemnitz droht eine umfassende Versteppung: Abriss und das Fehlen von städtischem Leben prägen das Bild der demographisch mit am härtesten getroffenen Stadt Ostdeutschlands.
Die Phänomene der historisch einmaligen Schrumpfung ganzer Stadtgefüge werden dabei in die Chance eines Stadtumbaus von Unten umgewertet. Die infrastrukturellen Nachteile und das Ausdünnen der Bevölkerung sollen sich in diesem Sinne zu einem Gewinn von Freiheiten und Experimentierräumen wandeln.
Entgegen dem zunehmenden Zerfall des Stadtzusammenhanges und dem damit entstehenden Eindruck, dass die Peripherie überall zu sein scheint, möchte das Experimentelle Karree die Kräfte bündeln und einen Ort der Gegensätze schaffen, an dem alle Generationen und Bevölkerungsgruppen teilhaben können. Der Ansatz der Selbstorganisation verhindert dabei, dass die Strukturen, einmal verflüssigt, nicht allzu schnell wieder im gewohnten Sinne erstarren können.
Ohne Institutionen wird Stadtteilarbeit und die Entwicklung einer kulturellen und sozialen Infrastruktur verwirklicht. Die Stadt sollte dabei hauptsächlich in der Position der Zulassenden und Gewährenden auftreten müssen.
Diese Orientierung auf die Selbstheilungskräfte der Stadt, die in der Bevölkerung selbst als Potenzial verborgen sind, lässt allein den Stadtumbauprozess erträglich erscheinen. Von funktionstragenden Eliten ausgeführt, entsteht bei den leidtragenden Bewohnern dabei bisher der Eindruck der Entmündigung und der fehlenden Einbeziehung.
Die Gewöhnung städtischer Institutionen an die Tatsache, dass es in der Stadt Chemnitz keine fordernde Zivilgesellschaft gibt, wird in Form des ExKa’s eine Absage erteilt. Die Erkenntnis muss lauten: Hier meldet sich die letzte geburtenstarke Generation zu Wort, um die gescheiterten Anläufe der letzten Jahre endlich zu einem eindrucksvollem Ergebnis zu geleiten. Nach ihr wird es im Zweifelsfall keine mehr tun können.

Zum Weiterlesen:

Die fehlende Aufenthaltsqualität von Chemnitz ist seit Jahren der Ausgangspunkt für das Verlassen der Stadt, die zu dem ohnehin omnipräsenten Arbeitsmarktproblem erschwerend hinzutritt. Unter den temporär engagierten Eliten gilt die Stadt als ein Ort, an den man strafversetzt wird. Das geistige Leben wird durch eben jene folgerichtig kaum geprägt.
Über Chemnitz wurde in den letzten Jahren in der bundesweiten Presse aufgrund des Neuaufbaus der Innenstadt oft positiv berichtet. Diese Berichterstattung erfährt seit ungefähr fünf Jahren immer öfter eine Korrektur. Dabei steht nunmehr die defizitäre Umsetzung des Stadtumbaus im Vordergrund. Innovative Konzepte kommen aus den prosperierenden „schrumpfenden“ Städten wie Leipzig, nicht jedoch aus Chemnitz, in der man die überfällige Infrastruktur immer noch als zwischenzeitliche „Schandflecke“ bewertet. Die Konzepte der wachsenden Stadt wirken hier anachronistisch unvermittelt fort.
Die Wächterhäuser in Leipzig sind als symbolisch wichtigste Projekte der Nachnutzung in Ostdeutschland zu bewerten. Die Hoffnungen, die umliegenden Quartiere damit beleben und aufwerten zu können, scheinen bestätigt zu werden. Die Devise des Gewähren-Lassens führt in Leipzig zwar nur zu marginalen gentrification-phänomenen, ist für die Stadt trotzdem eine kleine Hoffnung für die Zukunft. Diese nicht von den Akteuren in den Häusern intendierten Aufwertungserscheinungen werden in Chemnitz gar nicht erst erkannt. Hier beherrscht die Angst vor den „Connewitzer Verhältnissen“ das öffentliche Bild. Die subkulturellen Ansätze (und von nirgendwo anders kommen die basisgeleiteten Stadtumbaustrategien) werden hinsichtlich des demographischen Kollaps hin zur „Herrschaft der Alten“ bereits seit Jahren ins Leere laufen gelassen.
Im Jahre 2005 wurde beispielsweise die Wiederbelebung des Brühls, eines innerstädtischen Altbauviertels, das zu grossen Teilen leersteht, auf die Tagesordnung gehoben. Es wurde jedoch der (städtischen) kommunalen Wohnungsgenossenschaft GGG überlassen, diesen „Kiez“ aus der Taufe zu heben, was erwartungsgemäss aufgrund der Inkommensurabilität der Vorstellungen misslang. Das Problem besteht in der nachträglichen Bewertung darin, dass die Stadt nicht verstanden hat, dass sie in der Verpflichtung steht, alle Barrieren, die dem verbliebenen Häuflein Zivil- und Geistesgesellschaft im Wege stehen, mit Schwung niederzureißen.
Einer kritischen Masse von Menschen wurde dieses Trauerspiel derart zuwider, dass sie am 20.6.2007 in der unmittelbaren Nähe zur Innenstadt eine Hausbesetzung durchführten. Dem voraus gegangen war das legale Engagement auf dem Brühl und mit verschiedenen Privateigentümern, das kein Ergebnis zeitigte.
Diese Hausbesetzung währte zwei Wochen und mündete in die legale Nutzung der Reitbahnstrasse 84, die nunmehr die erste Säule des experimentellen Karrees darstellt.
Diese Tatsache unterscheidet den neuerlichen Anlauf von den Vorherigen: Bisher wurde der Wunsch nach mehr „Urbanität“ nur von außen, z.B. in der Studentenschaft, als bittendes Seufzen Richtung Stadt geschickt, diesmal wird er von bereits lokalisierten Akteuren artikuliert. Der Stadtrat Ulf Kallscheidt formulierte, dass die Idee eines Kiezes in Chemnitz damit so weit gereift ist, wie noch nie zuvor.
Das ExKa umfasst ein weites Ideenspektrum: neben dem Wohn- und Kulturprojekt Reitbahnstrasse 84 mit Konzerten, Volksküche und Umsonstladen, soll ein Club, eine Bar, ein Wohnzimmerkino, eine Bibliothek, eine Druckwerkstatt, Ateliers und ein Caritas-Treffpunkt integriert werden. Besonders publikumswirksam wird der Stadtteilgarten sein: Dies ist die repräsentative Spielwiese auch für alle Anwohner, die die Entwicklung bisher äußerst skeptisch betrachten.
Das Experimentelle Karree macht seinen Namen vor allem im Kontext der unabsehbaren Schrumpfung und der erstarrten und verkrusteten Reaktion darauf Ehre. Das Experiment liegt gerade darin, in einer von Partizipation entwöhnten und Segregation gezeichneten Stadt, den Stadtumbau von unten zu wagen. Bei näherer Betrachtung gibt es hier nichts mehr zu verlieren.

Dieser Beitrag wurde freundlicherweise vom Verein Experimentelles Karree e. V. i. G. eingesandt

www.exka.org

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.